Slow Living mit Familie, Waldkindergarten

Was ist ein Waldkindergarten?

Ein Waldkindergarten ist eine Form der Kindertagesbetreuung, bei der sich die Kinder den Großteil des Tages draußen in der Natur aufhalten. Der Wald dient dabei nicht nur als Aufenthaltsort, sondern auch als Lern- und Erfahrungsraum, in dem Kinder ganzheitlich lernen, entdecken und sich entwickeln können.

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie ein Waldkindergarten aufgebaut ist, welche pädagogischen Ziele dahinterstehen und wie der Alltag dort aussieht, findest du hier meinen ausführlichen Beitrag zum Thema:

Der Waldkindergarten

Lass uns mit den Vorurteilen über den Waldkindergarten aufräumen

Was wäre die Welt nur ohne Vorurteile? Auch der Waldkindergarten bleibt hiervon nicht verschont. Die meisten Vorurteile halten sich über Jahre so hartnäckig, dass sie gar nicht groß hinterfragt werden, sondern als Grund genommen werden, um einen Waldkindergarten als Betreuungsmöglichkeit auszuschließen.

Ob ein Waldkindergarten nun die richtige oder falsche Wahl für jemanden persönlich ist, mag ich nicht beurteilen.

Aber einige Vorurteile, die ich über die Zeit als Sozialpädagogin in verschiedenen Kindertageseinrichtungen, als ehemalige stellvertretende Leitung eines Waldkindergartens und auch selbst als Mutter unter Eltern aufgeschnappt habe, kann ich so nicht stehen lassen – und werde in diesem Beitrag damit aufräumen.

»Kinder aus dem Waldkindergarten, werden es in der Schule schwer haben.«

Tatsächlich hat ein Großteil, der an Kinder aus dem Waldkindergarten denkt, erst einmal das Bild von einem energiegeladenen Kind, das nicht ruhig sitzen bleiben kann und vielleicht sogar seinen Namen tanzt vor Augen. An dieser Stelle nochmal der kurze Hinweis: der Waldkindergarten ist nicht mit einem Waldorfkindergarten gleichzusetzen… und auch dort können Kinder ruhig sitzen und werden schulfähig 😉

Auch im Waldkindergarten gibt es feste Strukturen und wiederkehrende Rituale. Dazu gehören beispielsweise Morgen- oder Mittagskreise, in denen die Kinder gemeinsam sitzen, singen, spielen, Gespräche führen, etc.

Zudem gibt es über die alltäglichen Bildungsimpulse und Projekte hinaus auch im Waldkindergarten gezielte Angebote für Vorschulkinder.

»Längst haben sich die Waldkindergärten darauf eingestellt, Techniken des Schneidens, Malens (Stifthaltung!), Säuberns von Tellern (Frühstücksdosen), Gestalten eines ästhetischen Mittelpunktes beim Frühstückskreis u.Ä. zu vermitteln. “Wir hausen ja im Wald nicht wie die Vandalen” meinte eine Erzieherin, “wir bleiben auch im Wald Kulturmenschen!”« (Miklitz, 2011, S. 71).

Außerdem wirkt sich die ständige Bewegung positiv auf die Konzentrationsfähigkeit der Kinder aus.

Im freien Spiel und in der neugierigen, lösungsorientierten Auseinandersetzung mit dem Naturraum werden die im Bildungsauftrag der Kitas verankerten Bildungsbereiche ganzheitlich gefördert. Pädagogische Fachkräfte greifen die so entstehenden Bildungsprozesse gezielt auf und unterstützen die Kinder in ihrer Entwicklung.

Ein zentrales Ziel, welches allen Kindertagesstätten durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz vorgegeben wird, ist die Förderung der Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.
Die Förderung der Basiskompetenzen – sprich der körperlichen, geistigen sowie der sozialen und emotionalen Entwicklung – ist in den Konzeptionen der Waldkindergärten als Schwerpunkt fest verankert. Somit werden die Voraussetzungen für die Schulfähigkeit auch in einem Waldkindergarten gefördert und erfüllt.

Kinder aus dem Waldkindergarten haben also wunderbare Voraussetzungen für die Schule und das lebenslange Lernen darüberhinaus.

»Der Waldkindergarten ist nur was für größere Kinder.«

Da in Deutschland Eltern den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ihr Kind ab der Vollendung des ersten Lebensjahres haben, bieten die meisten Kindertageseinrichtungen sogar schon Betreuungsplätze ab vier Monaten an. Für so kleine Kinder, teils noch Babys, ist der Waldkindergarten tatsächlich noch nicht geeignet. Grundsätzlich nehmen die meisten Waldkindergärten Kinder ab einem Alter von zwei Jahren auf.

Für Eltern ist es nützlich zu wissen, dass das Kitajahr immer zum 01. August hin beginnt. Bis wann gilt mein Kind dann als Zweijähriges? Muss es zum 01. August schon seinen zweiten Geburtstag gefeiert haben oder gilt noch das ganze Kalenderjahr? Weder noch.

Der Stichtag für die Berücksichtigung des Alters in Kindertagesstätten ist der 31. Oktober. Für das laufende Kitajahr gelten entsprechend alle Kinder, die bis zum 31. Oktober zwei Jahre alt werden, bereits als Zweijährige zum Betreuungsstart im August. Alle Kinder, die ab dem 01. November Geburtstag haben, müssen auf das nächste Jahr warten.

Und ist die Betreuung unter drei Jahren für mein Kind überhaupt eine zu bewältigende Herausforderung?
Die verschiedenen Witterungsverhältnisse können für Kinder jeden Alters herausfordernd sein, stellen aber kein Hindernis dar. Mit der richtigen Ausstattung und Gewöhnung an die Eindrücke verschiedener Witterungsverhältnisse können die Erfahrungen in einem Waldkindergarten sehr bereichernd für Kinder ab einem Alter von zwei Jahren sein.

»”Die Wirkung von Naturerfahrungen kann man zum Beispiel sehr gut für die Entwicklung von Kleinkindern (Hervorhebung durch Verfasserin) nachvollziehen. So zeigen zahlreiche Untersuchungen, wie wichtig für Kleinkinder eine vielfältige Reizumgebung ist: Eine Umwelt mit vielfältigen Reizen fördert die Gehirnentwicklung und regt zahlreiche psychische Entwicklungsschritte an. Optimal in diesem Sinne ist für Kleinkinder übrigens eine Umgebung, die eine Mittelstellung zwischen vertrauten Reizen einerseits und neuen, fremdartigen Reizen andererseits einnimmt. Alle diese Voraussetzungen sind in einer naturnahen Umgebung gegeben. Die Natur bietet zugleich Kontinuität und verändert sich ständig. (…)” (Quelle: Prof. Dr. Gebhard im Interview mit “Livipur”)« (Miklitz, 2011, S. 89).

Trotzdem bleibt die Betreuung in einem Waldkindergarten auch immer eine Typsache, denn nicht jedes Kind fühlt sich in einem Waldkindergarten gut aufgehoben. Hier gilt es, unabhängig vom Alter, sensibel auf die Reaktionen deines Kindes zu schauen, seine Bedürfnisse ernst zu nehmen und zu berücksichtigen. Nicht jedes Kind teilt die Begeisterung für Waldkindergärten mit seinen Eltern. 

»Die Kinder sind bei Wind und Wetter draußen.«

Ja, die Kinder halten sich in einem Waldkindergarten größtenteils draußen auf und sind entsprechend gekleidet und ausgerüstet. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, dass sie schutzlos jedem Wetter ausgesetzt sind.

Die meisten Waldkindergärten verfügen über beheizbare Bauwagen oder andere Schutzräume, in denen sich die Kinder aufwärmen können. Bei Sturm oder Unwettern stehen zusätzlich häufig Ausweichräume wie Turnhallen oder öffentliche Gebäude zur Verfügung.

Um einer Auskühlung vorzubeugen, ist eine entsprechende Ausrüstung der Kinder wesentlich.

Es ist empfehlenswert die Kinder im sogenannten Zwiebellook zu kleiden. Durch die verschiedenen Schichten der Kleidungsstücke zirkuliert die Luft besser, wodurch die Kinder nicht so schnell ins Schwitzen kommen.

Außerdem sollte feuchte Kleidung, besonders bei kalten Temperaturen, schnellstmöglich gegen Trockene getauscht werden, um einen großen Wärmeverlust zu vermeiden.

Um bei Minustemperaturen das Gesicht zu schützen, bietet es sich an dem Kind eine wasserfreie Fettcreme aufzutragen.

Unter dreijährige Kinder sollten alle zwei bis drei Stunden im Winter die Gelegenheit bekommen, sich an einem geschützten Ort aufzuwärmen.

Im Sommer ist hingegen an ausreichend Sonnenschutz durch eine Kappe und Sonnencreme zu denken.

Mit der passenden Ausstattung können Kinder somit die verschiedenen Jahreszeiten oft besonders intensiv erleben und wertvolle Naturerfahrungen sammeln.

»Im Waldkindergarten ist Inklusion unmöglich.«

Inklusion in der Kita bedeutet, dass allen Kindern eine echte Teilhabe und Chancengleichheit, unter Berücksichtigung der individuellen Lebenswelten und Bedürfnisse des einzelnen Kindes, ermöglicht ist.

Die pädagogischen Fachkräfte haben die Aufgabe Barrieren weitgehend zu reduzieren, um die aktive Partizipation am Gruppengeschehen und -alltag, das gemeinsame Spielen und Lernen zu unterstützen.

Wenn man an den Wald mit den Wurzeln und Unebenheiten denkt, stellt man sich zurecht die Frage, ob Inklusion in einem Waldkindergarten überhaupt funktionieren kann.

»Die Umgebung im Waldkindergarten erhöht die Integrationschancen von Kindern mit besonderem Betreuungsbedarf, insbesondere für Kinder mit

  • Sprachentwicklungsverzögerungen,
  • motorischen Störungen,
  • Störungen im Bereich der Sinneswahrnehmung,
  • allgemeinen Entwicklungsverzögerungen,
  • Verhaltensauffälligkeiten wie Kontaktstörungen, aggressives und/oder hyperaktives Verhalten.”« (Miklitz, 2011, S. 190).

Trotzdem braucht es immer eine individuelle Betrachtung. Vor einer Aufnahme sollten Eltern gemeinsam mit der Einrichtung klären, welche Unterstützung das Kind benötigt und ob die Rahmenbedingungen des Waldkindergartens dazu passen:

Wie viel und welche Art der Pflege benötigt das Kind?

Kann der Waldkindergarten das gewährleisten?

Wie mobil ist das Kind? Im Rollstuhl ist die Beweglichkeit insofern beeinträchtigt, dass das Besuchen mancher Waldplätze schwierig wird, das Kind durch die ausbleibende Bewegung einen stärkeren Wärmeverlust erfährt oder auch Schwierigkeiten beim kleinen oder großen Geschäft im Wald haben wird.

Kinder mit geistiger Behinderung können in einem Waldkindergarten aufgenommen werden, wenn sie auf direktes Ansprechen reagieren und sich räumlich orientieren können.

Ich kann hier definitiv nicht stellvertretend für jeden Waldkindergarten schreiben, deshalb ist hier ein persönliches Gespräch mit der jeweiligen Kita maßgeblich.

Aber alles in allem ist Inklusion auch in einem Waldkindergarten möglich, vorausgesetzt die Gegebenheiten passen. 

»Im Waldkindergarten dürfen Kinder keine Windeln mehr tragen.«

Quatsch, im Waldkindergarten werden die Kinder genauso gewickelt, wie in anderen Kitas auch.

Für Unterwegs gibt es Matten, Hygieneprodukte, Mülltüten oder es wird ganz einfach im Stehen gewickelt. Auf dem Gelände gibt es meist einen Wickelbereich im Bauwagen, der im Winter beheizt werden kann.

Der Waldkindergarten setzt also keineswegs voraus, dass Kinder bereits trocken sind.

Fazit: Ein Waldkindergarten ist nicht für jedes Kind die beste Wahl – aber viele Vorurteile halten einer ehrlichen Betrachtung nicht stand

Viele Vorurteile über den Waldkindergarten entstehen aus Unsicherheit, Halbwissen oder Bildern im Kopf, die mit dem tatsächlichen Alltag wenig zu tun haben. Weder sind Kinder aus dem Waldkindergarten automatisch schlechter auf die Schule vorbereitet, noch müssen sie trocken sein oder frierend bei jedem Wetter im Wald sitzen.

Gleichzeitig ist ein Waldkindergarten – wie jede andere Betreuungsform auch – nicht automatisch die richtige Wahl für jedes Kind oder jede Familie. Entscheidend ist immer, ob die Bedürfnisse des Kindes, die pädagogische Haltung und die Rahmenbedingungen gut zusammenpassen.

Fest steht jedoch: Der Waldkindergarten bietet Kindern wertvolle Erfahrungsräume, viel Bewegung, intensive Naturerfahrungen und zahlreiche Möglichkeiten zum ganzheitlichen Lernen. Genau das macht ihn für viele Familien zu einer bereichernden Alternative zur klassischen Kita.

Literaturverzeichnis

Miklitz, Ingrid (2011). Der Waldkindergarten. Dimensionen eines pädagogischen Ansatzes (4. Aufl.). Cornelsen

Buchtipps zum Thema

Der Waldkindergarten: Grundlagen und Praxisbeispiele der Naturraumpädagogik *
Waldbaden mit Kindern: Achtsamkeit und Entspannung in der Natur *

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Hallo, ich bin Nicole – Mama von zwei wundervollen Kindern,
staatlich anerkannte Erzieherin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin B.A. und ZFU-zertifizierte bindungsorientierte Elternberaterin (nach Dr. Martina Stotz).

Seit ich Kinder habe, fühlt sich vieles in unserem Alltag »intensiver« und »sensibler« an. Diese Erfahrungen haben mich dazu gebracht, mich tief mit Themen wie Introversion, Hochsensibilität, Gefühlsstärke und einer bindungsorientierten Erziehung auseinanderzusetzen. Gleichzeitig habe ich meine Leidenschaft für einen ruhigeren Lebensstil entdeckt – im eigenen Tempo und im Einklang mit meinen Werten.

Seit über fünf Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Slow Living und Wabi Sabi – alles mit einer Prise Minimalismus, aber nie dogmatisch.

Mit meinem Wissen möchte ich dich dabei unterstützen, im Überangebot unserer Zeit wieder klarer zu sehen und dein Leben selbstbestimmt zu gestalten.

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